Ich lese gerade ein Buch von B. Hölldobler und E. O. Wilson "Der Superorganismus". Es geht um die Organisation von Ameisenstaaten, aber auch von anderen "eusozialen" Tieren wie Bienen, Wespen und Termiten. Man höre und staune : Es gibt auch Säugetiere, die derart organisiert sind, nämlich der Nacktmull.
Eine wichtige Voraussetzung für die Eusozialität ist der Altruismus (Selbstlosigkeit) ihrer Mitglieder, die insbesondere auf eigenen Nachkommen verzichten. Das lassen sie sich nur deshalb gefallen, weil sie mit der Brut, die ausschließlich aus von der Königin gelegten Eiern stammt, genetisch enger verwandt sind, als mit potenziellen eigenen Nachkommen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist eine hierarchische Einteilung in Kasten, deren Mitglieder oft auch körperliche Unterschiede zu denen anderer Kasten aufweisen. Offenbar ist diese Klasseneinteilung von Geburt an die einzige Alternative zu fortwährenden Rangkämpfen um das Recht der bevorzugten Fortpflanzung.
Jede einzelne Ameise beherrscht ein sehr begrenztes Repertoire an Verhaltensmustern, das sie bei Bedarf abspult. Aus der Summe der einzelnen "Reaktionsnormen" ergibt sich ein komplexes Verhalten der Kolonie.
Es sind deutliche Parallelen zu beobachten zwischen dem Organismus eines mehrzelligen Lebewesens, das aus vielen (auch als Einzeller existenzfähigen) eukaryontischen Zellen besteht und einem "Superorgansimus" der aus vielen Insekten besteht. Die gilt besonders für die Art der Kommunikation und Arbeitsteilung. Auch sorgt der Überlebenserfolg der Kolonie in der Umwelt für eine Evolution der Sozialstruktur.
Leider habe ich erst einen Teil des Buches durchgelesen. Bald mehr.
Das Buch ist sehr interessant (bin erst auf Seite 66) ;-)
Ich sehe die Eusozialität als sicheres Positivkriterium, aber ich betrachte E. nicht als Vorbedingung, um von einem Superorganismus zu sprechen.
Für mich ist Arbeitsteilung ein viel wesentlicheres Kriterium. Wenn es Spezialisierungen gibt, die über Geschlechterrollen hinaus gehen, ist für mich der Superorganismus gegeben. Reproduktion ist dabei nur eine von vielen Aufgaben im Ameisenstaat.
Was wären denn die minimalen Voraussetzungen für eine "Gesellschaft" ?
Die Monopolisierung der Fortpflanzung sicherlich nicht. Ein genetischer Effekt wird allerdings immer dann erreicht, wenn der Fortpflanzung in irgendeiner Weise selektiv erfolgt. Das passiert ja wohl in jeder Gesellschaft; ich zumindest kenne keine, bei der die Fortpflanzungspartner und die -häufigkeit per Würfel entschieden wird. Diese Selektion muss allerdings auch noch in die "Ziel"richtung erfolgen, soziales Verhalten muss also durch diese Auswahl begünstigt werden.
Die Alternative wäre, dass Sozialverhalten per Erlernen erworben und/oder weitergegeben wird. Dabei würde ich unterscheiden zwischen "bewusst" und "unbewusst" (bezüglich der Auswirkungen auf die Makroebene).
Ersteres wäre gegeben, wenn das Individuum oder die Gesellschaft ein bestimmtes Sozialverhalten erreichen will, und seine eigene Verhaltensweise durch Einsicht, durch gesellschaftlichen Zwang oder durch Gesetze in die erwünschte Richtung steuert. Dies entspricht sicherlich dem Ideal der Aufklärung, wird aber bestimmt nicht in reiner Form realisiert. Auffällig ist allerdings, dass ein "gut gemeintes" Gesetz oft das Gegenteil der intendierten Wirkung erreicht, weil eben die Komplexitätseffekte nicht berücksichtig werden.
Zweiteres ergibt sich aus Traditionen, die individuelle Verhaltensweisen moralisch bewerten. Wohl gemerkt, das Gebot "Du sollst nicht stehlen" bewertet das Stehlen selbst als unmoralisch, es verfolgt nicht den Zweck, einen auf Vertrauen aufgebauten Warenaustausch in großem Umfang und damit eine komplexe Wirtschaftsgesellschaft überhaupt erst möglich zu machen - aber die Wirkung auf der Makro-Ebene ist genau diese.
Ist mit "Gesellschaft" ein Superorganismus gemeint? Oder ein Gruppe, die ein eigenes Regelset hat?
Möglicherweise liegt der Schlüssel in der Wirkung von Regeln. Eine (frühmenschliche) Gruppe, die einen Begriff von Besitz hat, kann mehr Ressourcen für Nahrungsbeschaffung und Fortpflanzung aufwenden, da das einzelne Gruppenmitglied weniger Aufwand mit der Verteidigung seines Besitzes innerhalb der Gruppe hat - damit wird sich diese Gruppe stärker vermehren als die Nachbargruppe, die "Besitz" noch nicht "entdeckt" hat. (Selbstverständlich gilt dies nur im "Normalzustand" - Notzeiten sind eine andere Sache.)